Gedanken beim Aufräumen

Beim Arbeitszimmeraufräumen stieß ich auf eine verschlossene Blechbüchse. Die wurde mir vor Monaten an der Kasse eines Möbelhauses in die Hand gedrückt.
Die Aufschrift klang verheißungsvoll: „Jede Dose gewinnt!“ Irgendwas zwischen 10 und 2500 Euro.
Bedingung dafür: du musst die Dose zur großen Sonderverkaufsveranstaltung mitbringen.
Und zwar unbedingt verschlossen.
Vor Ort würde die Büchse dann vom Möbelhändler deines Vertrauens geöffnet und dann – eventuell – wärest du reich.
Oder zumindest um 2500 Euro reicher. Immerhin.
Mein Problem bestand nun aber darin, dass die Veranstaltung vor gut zwei Monaten stattgefunden hatte.
Ohne mich.
Was soll’s. Gedankenlos griff ich nach dem Nippel am Deckel um daran zu ziehen, bevor die Dose ab in den Müll flöge.
Im allerletzten Moment hielt ich inne.

Was tat ich da?
Was, wenn in der Dose ein Chip mit der Aufschrift „Hauptgewinn – 2500 Euro“ lag? Das würde mir den ganzen Tag versauen! All der Quatsch, den ich mir dann nicht davon kaufen könnte, ratterte mir durch den Kopf, aufgereiht auf Rudi Carells laufendem Band und angeführt von dem 800 Grad Infrarot Steak Grillgerät.
Andererseits, wenn ich die Büchse verschlossen entsorgte, würde ich nie erfahren, ob ich der glückliche Gewinner gewesen wäre. Ich wüsste nicht, wie nah ich der Beinahe-Million war.

Nun sitze ich am Schreibtisch. Das Arbeitszimmer sieht immernoch aus, als wäre eben ein Vollernter durchgekommen. Vor mir die Büchse. Schroedingers Katze kommt mir in den Sinn. Ist das Viech nun tot oder nicht oder eigentlich beides gleichzeitig?
Wäre ich um Haaresbreite Fast-Millionär geworden, oder hätte ich für zwölf Euro Sprit verfahren um zehn Euro in Empfang zu nehmen, die ich dann gleich für überflüssiges Zeugs in Kassennähe ausgegeben hätte?
Ich entscheide mich für beides gleichzeitig.
Was aber nichts an der Tatsache ändert, dass vor mir immernoch die Büchse steht.
Verschlossen.
Entsorgen werde ich die Büchse.
Aber sollte ich sie davor vielleicht doch noch öffnen?
Oder soll der Müllmann das Geheimnis mit sich zwar nicht in’s Grab, wohl aber auf die Halde nehmen?
Und das Zimmer sieht immernoch aus, als wäre ein Vollernter durchgekommen.

Ps: Ein Vollernter ist die abgefahrenste Landmaschine, der man in der Erntezeit im Weinanbaugebiet mit 25 km/h, ohne Möglichkeit zum Überholen, hinterherzuckeln kann. Sieht aus wie ein Traktor, den man auf die Seite gelegt und zusammengepresst hat, damit er unter der Stalltüre durchpasst.

Pps: Eben habe ich beschlossen, die Schrödinger-Katzen-Büchse zu behalten. In dem einen Regal ist bald wieder Platz, wenn ich mit dem Aufräumen fertig bin.

Ppps: Der 800 Grad Steak Grill wird voraussichtlich in einer Woche geliefert.