Auf einem Flohmarkt drehen alte Leute anderen alten Leuten Dinge an, die weder Käufer noch Verkäufer brauchen, was die Verkäufer klar auf die Gewinnerseite stellt. Denn sie bekommen ja keine anderen nutzlosen Gegenstände dafür, sondern Zaster.
Über Jahre habe ich mich von diesen Plätzen ferngehalten, wohl wissend, dass das Interesse unbegrenzt, der heimische Keller dagegen begrenzt sei.
Bis nun meine Tochter mich aufforderte, sie zu solch einem Markt zu begleiten. Die angestaubten Artikel ließen mich natürlich kalt. Sollen die doch ihren Tineff sonst wem andreh’n!

Das ging gut, bis ich an dem Stand mit Kartons voller Briefmarkenalben anlangte. Eine der Mappen war dick und mit „Vatikan“ und „10,- “ beschriftet. Wer, bitte schön, kann da schon nein sagen. Ich bin dem Heiligen Vater nicht näher verbunden, obschon ich ihn einst aus ca. zweihundert Meter Entfernung auf dem Petersplatz gesehen habe. Das ist näher als zum Beispiel die bärtigen Gesellen von ZZ-Top, deren Gesängen ich auf einem Konzert aus etwa ebendieser Entfernung lauschen durfte.
Ich blätterte also meinen Zehner auf den Tisch, ließ mich noch vom Verkäufer ob meines Schnäppchens beglückwünschen und machte mich mit dem Schatz unterm Arm auf den Weg nach Hause.
Dort lauerte mir nämlich seit mehr als einem Jahr ein weitaus größeres philatelistisches Abenteuer auf. Es mag gewagt erscheinen, in der Philatelie von einem Abenteuer zu sprechen. „Oh, ich bin von einer Briefmarke angegriffen worden, unvermittelt hatte sie sich direkt auf mein linke Auge geklebt. Ich konnte nur noch die Hälfte sehen.“ Das wäre ein solches. Meines versteckte sich auf dem Dachboden. Vor gut einem Jahr, als ich das Haus vor dem Kauf inspizierte, erspähte ich auf jenem Boden einen Koffer. Auf meine Frage nach dem Inhalt meinte die Erbin, da seien vermutlich Briefmarken drin. Nur um sicherzugehen, lupfte ich den Kofferdeckel ein wenig und erspähte eine unbestimmte Zahl von Briefmarkenalben, nicht jedoch einen Klumpen Gold oder Aktien in uralter Schrift, die ich insgeheim erhofft hatte.
Unverhofft in den Besitz großer Mengen von Briefmarken zu kommen ist schwierig. Es verdirbt Charakter, Spaß und Interesse. Als Zehnjähriger bekam ich von meiner Mutter ein leeres Briefmarkenalbum geschenkt. Damit begann meine kindliche Sammelleidenschaft. Marken aus der ganzen Welt, oder zumindest aus der damals von mir vermuteten Welt, gelangten in das Album. Stolz und nach ausufernden Sortieraktionen beschriftete ich den Umschlag mit allen Ländern, deren Marken ich zwischen den Deckeln vereinigt hatte. Und nicht nur Ost-Block, wie man es bei einem Ost-Kind vermuten würde, auch Länder wie Argentinien, Türkei und Suomi fanden sich darin. War keiner da, um mir die Frage zu beantworten, wo denn dieses Suomi liegt. Heute ist das anders. Heute gibt es kaum noch Kinder, die solche Fragen stellen.
Eines Tages besuchten wir einen klugen und eigenbrötlerischen Onkel, der sieben Sprachen konnte. Also so wie all die eigenbrötlerischen Onkels in allen Familien. Selten beherrschen sie sechs oder acht Sprachen. Immer sind es sieben. Jener Onkel nun war freudig überrascht, als er erfuhr, dass es außer ihm noch jemanden gab, der sich für diese bunten Papierschnipsel erwärmte.
Er öffnete eine unscheinbare Tür zur Seitenkammer. Dort lagen aufgestapelt so um die zehntausend Briefmarkenalben. Und was für welche. Nicht etwa solche, wo man die Marken nach eigenen Gutdünken hinter die durchsichtige Folie spannt. Nein, da war schon vorher aufgedruckt, welche Marken da rein sollten, damit die Sammlung vollständig würde. Mein kindliches Interesse war etwa so schlagartig gestoppt, wie die Ameise, die ich einst aus der Hand auf die Herdplatte des Küchenofens geschubst hatte. Aber das ist eine andere Geschichte.

Doch damit nicht genug. Der Siebensprachenonkel überreichte mir freundlich gönnerhaft einen riesigen Schuhkarton voller Briefmarken, für die sich offenbar keine geeignete Stelle mehr in den Vordruckalben finden ließ.
Nur mäßig begeistert und in Erwartung einer zeitraubenden Sortierarbeit inspizierte ich zu Hause die Neuzugänge. Alles voller Köppe. Immerhin oft aus Österreich, von da hatte ich noch nichts. Ganz viel „Deutsches Reich“, jede Menge Hitler-Marken. Die verschwieg ich vorsichtshalber der Mutter.
Bestenfalls gab’s mal eine Frau aus Frankreich, die säte und oft waren auch nur ganz banale Zahlen drauf. Fünf, zehn, zwölf, 84 (ja, wirklich) und manchmal auch darüber aufgedruckt „250 Tausend“ und mehr.
Diese Flut an Postwertzeichen markierte das vorläufige Ende meines Briefmarkensammelei. Wer will schon einen Schuhkarton mit Köppen und Zahlen sortieren? Und vor allem: wohin sortieren? Ich hatte nur sechs Alben, die Hälfte von meinem Bruder abgestaubt. Die waren alle schon recht voll.
Zum Beispiel gab es da eine DDR-Marke aus den frühen Fünfzigern auf der war eine rote Fahne mit den Profilen von Marx, Engels und Lenin zu sehen. Die drei erkannte ich aus tausend Meter Entfernung. Mit diesen Köpfen war ja mein Schulunterricht im Wesentlichen beschrieben.
Aber daneben hatte ich noch eine Marke aus dem Jahr 1953. Und auf der war ganz vornedran ein vierter Kopf auf die rote Fahne gepinselt. Und zwar der vom Genossen Stalin.
Dessen Verschwinden von der Fahne war für mich der erste Beleg für kommende und wieder verschwindende Köpfe in den Geschichtsbüchern. Ihm sollten bis heute noch viele weitere folgen.
Nun, fünfzig Jahre später, saß ich also auf der Couch und blätterte, wieder der alten Begeisterung verfallen, im Vatikan-Album. „Poste Vaticane“. Klar auch hier wieder jede Menge Köppe, aber die hatten wenigstens tolle Hüte auf. Anders als die langweiligen Glatzen von Hindenburg, Hitler oder Lenin. Die Marken waren so zwischen 1958 und 2012 in Umlauf gebracht worden. Da endet die Sammlung. Vermutlich gab es nach 2012 keine Briefmarken mehr. Oder keinen Papst. Oder der Sammler hatte keine Lust mehr.
Als das Album durchgeblättert war, was schneller ging als vermutet, da es nur zur Hälfte gefüllt war, packte mich die Neugierde. Ich war so weit, ich würde mich nun meinem ganz eigenen philatelistischen Abenteuer stellen.
Auf geht’s. Die Bodentreppe ausgeklappt und durch die enge Luke hochgequält. So wuchtete ich einen Stapel Briefmarkenalben umsäumt von allerlei frei fliegendem Bundespost-Markengezücht die Treppe hinab.
Selbst meine Gemahlin kam nicht umhin, die im Wohnzimmer ausgebreitete Sammlung zu beäugen.
Vermutlich die erste Frau, die mit echtem Interesse in ein Briefmarkenalbum geblickt hat. Also nicht mit jenem geheuchelten Interesse, mit dem Damen, die es auf einen Kerl abgesehen haben, auf alles nickend blicken, was dieser ihnen unter das Näschen hält.
Doch zunächst kam: husten und niesen. Ausgiebig. Da schwirrt schon einiges in der Luft, während man durch Papierstapel blättert, die seit vielen, vielen Jahren auf dem Dachboden vor sich hingedöst haben.
Begleitet waren die Ordner von ungeordneten Stapeln von Postkarten und anderen Verwandten des Briefverkehrs.

Mein persönliches Highlight nach erster Sichtung war eine Postkarte, gesendet and die Landesgruppe Hamburg der Deutschen Raketen-Gesellschaft e.V.
Darin sandte die Landesgruppe Bremen ihren Hamburger Kollegen „einen freundlichen Gruß vom Startplatz der 8. und 9. Versuchsserie für Post- und Versorgungsraketen“.
Versehen war die Postkarte mit einem vor Stolz rot gewordenen Stempel, dem man respektvoll staunend entnehmen konnte:
„Mit Rakete befördert, Oktober 1960“
Diese Karte schien mir auch deshalb bemerkenswert, weil just seit Beginn des Jahres 2026 im gleichen Land ein neues Postgesetz seine Wirkung entfaltet, welches die Laufzeiten für Briefe von einem auf bis zu vier Tage verlängert. Von Raketengeschwindigkeit auf die Geschwindigkeit eines sportlichen Lastenradfahrers, und das in nur 65 Jahren Fortschritt.

Wieder sitze ich vor einem Berg bunter Schnipsel. Beim letzten Mal schnappte ich mir die am wertvollsten aussehenden Marken und radelte damit zum nächsten Briefmarkenhändler.
Der ließ sich dazu herab, mit seiner Pinzette nachlässig in meinem Schatz herumzustochern. Ob ich von weit damit gekommen sei, fragte er nach etwa einer halben Minute des Rumstocherns.
Da wusste ich: das wird nichts mit dem geldsorgenfreien Leben.
Jetzt ist das doch noch weitgehend geldsorgenfreie gebliebene Leben auch schon bald wieder rum und wie, um mich zu verhöhnen, haben die Schicksals-Nornen noch mal so einen richtig fetten Stapel Briefmarken in meinen Faden reingesponnen. Bis hierher kann ich sie kichern hören, ob ihres blöden Dad-Jokes. „Verpisst euch“, rufe ich ihnen zu. Sie verkrümeln sich, hinterlassen aber nichtsdestotrotz hunderte bunte oder gar nicht bunte und immer viereckige Zackenmonster.
Das bringt mich auf eine Idee. In meinem besten Album, dem mit den bunten Marken aus aller Welt gibt es auch welche aus Gabun. Und die sind, man mag es kaum glauben, dreieckig. Mit Mandarine, Kokosnuss, Ananas und Mango dekoriert. Muss man wirklich so weit fahren, um eine dreieckige Briefmarke zu bekommen?
Zu viele Briefmarken zu wenig Alben. Schon wieder. Bei Amazon habe ich mich vorsorglich erkundigt, was denn heute so die Alben kosten. Dabei bin ich per „Andere Kunden kauften auch“ Klick auf ganz und gar unseriöse Angebote gestoßen. Da werden doch tatsächlich Briefmarken aus aller Welt hundert und mehr stückweise angeboten. Marken, auf die vielleicht mal ein zehnjähriger Bursche so richtig stolz war, weil er sie seinem Kumpel für ein Matchbox (Mercedes, blau, mit beweglichen Vordertüren) und drei Kaugummi-Bilder (2x Fix und Foxi, 1x Donald Duck) abgehandelt hatte.
Sogar Dreieckige waren dabei. Mit Obst drauf.

Mir wird wohl nichts anderes übrigbleiben, als mich meinem Schicksal zu ergeben. Und wieder sind so entsetzlich viele Köppe dabei. Aber die auszusortieren und einen Teil zu entsorgen, wie es die Geschichte, zumal die deutsche, alle paar Jahre tut, dazu fehlt mir der Weitblick.
