Hochdruck 2.0

Während ich diese Zeilen schreibe, arbeitet die IT mit Hochdruck an der Behebung einer Netzwerkstörung.
„Wir arbeiten mit Hochdruck daran.“ Das habe ich schon einmal gehört. Oder besser: das höre ich eigentlich dauernd. Wesentlich seltener höre ich, dass jemand mit normalem Druck an der Behebung einer Störung arbeitet. Oder mit Unterdruck. Eine Störung, die überhaupt nicht behoben wird, wird im Vakuum bearbeitet.
Achtet man auf Worte und Aussagen, so wie ich das tue, hat man es schwer in unseren Zeiten.
Das „Arbeiten unter Hochdruck“ ist einer meiner Favoriten aus der Arbeitswelt. Was bedeutet das? Eigentlich heißt das doch „Wir tun, was wir können und wenn Du uns in der Zwischenzeit mit Nachfragen störst, ändert das gar nichts. Wir melden uns, oder auch nicht, wenn’s so aussieht, als ob’s wieder läuft.“ Wichtig dabei: was „wir können“ und was „wir tun“ bleibt im Vagen. Es gibt Formulierungszwilling des Hochruck-Arbeitens insbesondere bei Telefonansagen. Ein Beispiel: „Ihr Anliegen ist uns wichtig…“ und “Im Moment sind all unsere Mitarbeiter im Gespräch”.

Ähnlich aussagekräftig ist die um sich greifende Versionierung von Head Lines. Ich glaube, los ging’s mit Web 2.0. Alles schneller, bunter, besser. Nun konnten wir Stunden damit zubringen, auf unglaublich responsiv designten Webseiten die Informationen nicht zu finden, nach denen wir suchten. Welche Version „Web“ haben wir eigentlich im Moment? Ach, wer zählt da noch mit. Bei der Arbeit hab‘ ich’s auch aufgegeben. 3.0 oder 4.0? Ist 5.0 dann vielleicht gar keine Arbeit mehr, sinnbefreites Arbeiten oder endlich Arbeit, die Spaß macht und die man gerne tut? Ich glaube, Spaß und gerne tun waren Kriterien für Arbeit aus einer unversionierten Zeit. Schnee von gestern.

Wir haben heute vielleicht weniger Visionen, aber dafür jede Menge Versionen.
„Was immer wir gestern getan haben, ist Vergangenheit, war unüberlegter Kinderkram. Schwamm drüber. ´ne Einsnullerversion halt. Wer kauft sowas schon. Nur die Nerds. Aber jetzt, jetzt bringen wir die Zweinullerversion raus. Die ist totschick, „State-of-the-art“. Da sind all unsere „learned-lessons“ drin und die Umsetzung entspricht in jedem Fall den „best practice“. Ach ja: und wir arbeiten mit Hochdruck an dem Release.
Als jemand, der seit Jahrzehnten mit dem IT-Gedöns zugange ist, mal auf der Täter- mal auf der Opferseite, drängen sich mir da Rückfragen auf. Zum Beispiel:

Wie steht’s mit der Abwärtskompatibilität?
„Mit der Kompatibilität nach hinten sieht’s sehr gut aus. Wir haben ja eigentlich nicht viel geändert. Ein paar Begriffe halt, aber mit einer Übersetzungstabelle kommst Du da schon gut mit zurecht.“

Gibt es regelmäßige Updates? Service Packs oder ähnliches, was alles gleich viel besser macht?
„Also jetzt arbeiten wir erst einmal mit Hochdruck (sic!) an der Zweinullerversion. Weil wir hier so nachhaltig unterwegs waren, ist da alles drin, was du dir schon lange wünschst. Da braucht es kein Update. Und bevor wir mit so etwas wie Zweipunkteins oder Zweipunktnullpunkteins anfangen, hau’n wir das Zeug gleich in die Tonne und kommen mit einer blitzsauberen Dreinullerversion um die Ecke.“

Und die wichtigste Frage: Wem nützt das?
Ich stelle mir vor, wie das wäre, wenn wir wieder normal miteinander reden könnten.
„Das Netzwerk ist gestört. Das kam für uns unerwartet. Wir haben drei unserer langjährigen Mitarbeiter aus der Netzwerktruppe drangesetzt. Ihnen wurde verboten, sich um irgendetwas anderes zu kümmern, bis das Netz wieder läuft. Insbesondere ist ihnen verboten, an Status-Update-Meetings teilzunehmen. Sie halten aber Herrn Müller auf dem Laufenden, der die aktuellen Informationen zur Störung auf folgende Weise für sie zur Verfügung stellt: … und sich ansonsten Ihrer Rückfragen annimmt.“

Auf einem Weinbecher las ich einst: „Trinke klar, rede wahr“.
So sollte es sein.

Glossar

In dem Beitrag habe ich einige Begriffe benutzt, zu denen ich mein Verständnis ihrer Bedeutung gern noch kurz erkläre, um Missverständnissen vorzubeugen. Die Nennung erfolgt in der Reihenfolge des Auftretens im Text.

  • Arbeiten mit Hochdruck:
    „Don’t call us. We call you“
  • Ihr Anliegen ist uns wichtig:
    Ihr Anliegen ist uns völlig unwichtig, es sei denn, Sie wollen Ihren Vertrag um ein kostenpflichtiges Feature erweitern.
  • Head Lines:
    scheppernde Worthülsen, die vorgeben, eine Richtung vorzugeben
  • 2.0:
    Wir bereuen, wie es bisher gelaufen ist, dass wir es so lange so haben laufen lassen und wohin das geführt hat.
  • 3.0, 4.0, 5.0:
    Wir hätten nicht gedacht, dass unser Pflaster schon nach kurzer Zeit wieder abgeht. Aber wir haben noch Vorrat.
  • State-of-the-art:
    Das ist die einzige Möglichkeit, die ich nach zehn Minuten googeln gefunden und deshalb ausgewählt habe. Darüber diskutiere ich nicht.
  • Lessons learned:
    Nein, den Schalter an dem sich die Schlange derer gebildet hatte, die uns mal gehörig die Meinung geigen wollte, haben wir geschlossen. Wir klären das intern.
  • Best practice:
    siehe lessons learned